Ausgabe 29

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Ausgabe #29 - Druckfrisch und ab dem 05. April im Handel erhältlich! Hier geht es zur die Heftvorschau.

Features

THE KID IN THE YELLOW SHIRT - INTERVIEW MIT PIERRE HINZE

Lange Zeit haben Pierre und ich an diesem Interview gearbeitet, eigentlich schon seit sehr langer Zeit. Warum es so lange gedauert hat? Zum einen geht Pierre einem 5-Tage-Job nach, der mittlerweile sogar mehr Berufung als Beruf geworden ist, und zum anderen hat Pierre mit seiner Freundin eine kleine Familie gegründet. Zum Glück schließt ein Familienleben und der Vollzeitjob das BMX-Fahren nicht aus. Pierre zeigt uns, wie man beim Radfahren wachsen und auch erwachsen werden kann, ohne die Leidenschaft dafür zu verlieren. Erwachsensein ist bei Pierre aber auch nur ein Wort, das nur teilweise gilt. Von außen betrachtet wird er wahrscheinlich immer das Kind bleiben, wie ihn Jay Bean damals auf dem DUB Jam in Berlin genannt hat: „The Kid in the yellow shirt.“

 

Hi Pierre, was machst du bei Suicycle? Da kommst du ja grad her, oder?

Ja da komme ich gerade her. Ich verkaufe dort Fixies, Singlespeed Bikes, BMX-Räder und alles an Fahrrädern, was es so gibt. Zudem stelle ich auch noch Custombikes zusammen. Wenn es dann passt, schraube ich auch gerne an anderen und meinem eigenen Rad rum.

Wie bist du damals bei Suicycle gelandet?

Durch Kay und Jan (Gianni Suicycle). Nachdem meine vorausgegangen Anstellung vorbei war, habe ich mich mit Jan zusammengesetzt und schnell einen neuen und super netten Job bekommen. Das war damals eigentlich Zufall, vielleicht aber auch Bestimmung? [lacht]

Bestimmung ist super! Was motiviert dich heute immer noch BMX zu fahren? Immerhin bist du jetzt schon ganze 18 Jahre auf dem BMX.

Joa... hauptsächlich ist das natürlich der Spaß. Ich freu mich einfach jeden Tag, auf mein Rad zu steigen und machen zu können, worauf ich Bock habe, ohne dass mir irgendwer etwas vorschreibt.

Sehr gut! Du bist bereits Familienvater. Was hat sich beim Radfahren dadurch verändert?

Ja ehrlich gesagt hat sich da sehr viel verändert, vielleicht sogar fast alles!

Was denn genau, außer dass deine „Freizeit“ weniger geworden ist?

Klar, ich habe natürlich weniger Zeit, aber ich mache mir auch viel mehr Gedanken um die Gesundheit und ähnliche Dinge. Denn wenn mir doch mal etwas Schlimmes passieren sollte, dann ist das nicht nur eine Einschränkung für mich, sondern auch für meine Familie. Wenn ich mich kaputt mache, dann kann ich zu Hause nicht mehr helfen, nicht arbeiten gehen und natürlich auch keine Kohle mehr nach Hause bringen. Das sind einfach so viele Faktoren, die mir früher total egal waren, als ich noch keine Familie hatte. Es ist mir wirklich enorm wichtig geworden, die Verantwortung für meine Tochter und für meine Familie zu übernehmen.

Könntest du dir heute vorstellen, auch einen anderen Job zu machen?

Nö! Bis jetzt tatsächlich nicht, es kann sich ja immer etwas ergeben, aber derzeit habe ich den besten Job, den ich mir vorstellen kann. Das, was ich mache, ist die perfekte Work-Life-Balance und füllt mich komplett aus. Ich hab Spaß bei meiner Arbeit und dem, was ich tue.

Gut, dass ich mir keine Stichpunkte gemacht habe, ein Moment. Ah ja, es kann weiter gehen. Wie siehst du den ganzen Sponsoring Zirkus und was rätst du den Kids heute?

Ich selbst habe mich damit eigentlich nie so wirklich auseinandergesetzt. Ich habe nicht darauf hingearbeitet, Pro zu werden und Teile zu bekommen. Es hat sich tatsächlich irgendwann von alleine so ergeben. Da kam irgendwann Markus Wilke bei mir an und hat mich gefragt, ob ich Bock hätte auf KHE zu fahren. Ich war mir damals nicht wirklich sicher, hab’s dann aber probiert und fuhr anschließend also auf KHE. Dann kam ich über einen Kumpel zu Globe und habe über die dann Schuhe und Klamotten bekommen. Diese Deals sind mittlerweile natürlich nicht mehr aktuell, aber so fing alles an und es war eine super Zeit. Im Laufe der Zeit kamen dann nach und nach die anderen Sponsoren auf mich zu. Bei Lotek hab ich tatsächlich selbst nachgefragt. Anfangs ging da nichts, aber irgendwann kamen wir dann doch zusammen.

Würdest du sagen, dass man sich bei potentiellen Sponsoren bewerben sollte oder einfach für Coverage in Magazinen und im Web sorgen sollte?

Ich kann das wirklich schwer einschätzen. Ich glaube, dass man heutzutage einfach einen guten Mix aus allem anbieten sollte, ohne aufdringlich zu sein: Ganz klar wirken gutes und motiviertes Fahren, ein paar Contests, Videos und Fotos in Magazinen. Irgendwann kommen die Firmen schon auf einen zu. Und wenn man eine Chance sieht, es mit einer Bewerbung zu machen, dann kann das mit Sicherheit auch nicht schaden, damit die Teammanager der verschiedenen Firmen einen auf den Schirm bekommen.

Lieber viele kleine Edits raushauen oder ein bis zwei Banger im Jahr?

Das ist Geschmackssache. Ich persönlich finde einen bis zwei gut gemachte Clips im Jahr besser als jeden Handytrick gleich online zu stellen. Wer natürlich den ganzen Tag Rad fährt, kann auch viel produzieren und natürlich auch mehrere gute Clips raushauen. Ich bin jedenfalls froh, wenn ich nur ein bis zwei, aber dafür gute Edits im Jahr schaffe.

Du filmst ja auch selber. Wie bist du dazu gekommen, selber zu filmen und zu schneiden? Gab es da eine Notwendigkeit, dass dich niemand gefilmt hat oder ist das reines Interesse?

Zuerst aus Notwendigkeit [lacht] und dann weiter aus Interesse. Durch Sas (Kaykha) hab ich viel mitbekommen und immer mehr Bock drauf bekommen, es selbst mal zu probieren bzw. einfach mehr zu machen. Du kennst das doch! Hat man einmal so’n Ding in der Hand, will man auch gleich ein eigenes haben.

Und dein Coffee-Problem? Ist es ein großes Problem?

Ja! Sogar eines meiner größten Probleme!

Wie viele Kaffee sind es denn am Tag?

Das ist schwer zu sagen aber sicher selten weniger als drei.

Alter, in Tassen oder Kannen?

Ich glaub, in Kannen ist das leichter zu sagen, und ich meine, es waren drei.

Alter, drei Kannen?

Ja, aber war auch nur das ein oder andere Mal. Gibt ja auch mal Tage, an denen man länger als 12 oder 13 Stunden unterwegs ist, da trinkt man dann ja auch mehr. So, jetzt lass mich bitte in Ruhe mit meinen Problemen! [lacht]

Wie beschreibst du die Szene in Hamburg?

Geil und auch nicht! Die Leute sind alle cool, keine Frage, und man kann mit ihnen auch viel Spaß haben, aber in Hamburg verläuft sich die Szene ziemlich stark, weil Hamburg halt ziemlich weitläufig ist. Man kann nicht sagen, dass es einen festen Kern gibt. Ich bewege mich in einem Kreis, in dem wir mit acht bis zehn Leute regelmäßig fahren gehen. In Hamburg verteilt gibt es dann noch 10-15 weitere Gruppierungen in einer ähnlichen Größe wie der unseren. Da kommt es selten vor, dass sich alle treffen und gemeinsam fahren. Auf die Fläche gesehen ist es leider nicht der größte Zusammenhalt in der Szene.  Wir hoffen aber in Zukunft etwas daran ändern zu können, denn seit kurzem ist die „Bmx Hamburg e.V.“ offiziell registriert. Sie wird sich diesem Thema annehmen.

Glaubst du, dass die Altersunterschiede der Gruppen da was ausmachen?

Beim BMX-Fahren spielt das Alter keine Rolle, egal ob du 12 oder 30+ bist, man kommt immer gut miteinander aus und hat dasselbe Interesse am BMX-Fahren. Man redet dann natürlich nicht über tiefgründige Beziehungsprobleme oder anderes, aber man hat zusammen Spaß auf dem Fahrrad und das ist sowieso das Wichtigste. Dabei steht das gemeinsame Radfahren im Vordergrund, ganz egal wie gut jemand ist.

Mit wem fährst du denn so am liebsten? Und wer inspiriert dich am meisten?

Inspirieren tun mich viele, eigentlich sogar alle BMXer! Ich finde es immer sehr interessant, weil jeder einen anderen Style hat, den Spot anders sieht, andere Ideen hat oder aber komplett anders an eine Sache rangeht. Das sind dann die Sachen, die mich am meisten inspirieren. Ich fahr super gerne mit Sas, Tim, Nils und eigentlich freue ich mich immer wieder, wenn auch neue Leute dazukommen. Aber mit den drei Jungs fahre ich am meisten.

Was war dein bisher größter Erfolg? Vielleicht der Sieg bei den BMX Masters 2011 im Railjam gegen Brian Kachinsky und Co.?

[lacht] Ja. Im Sinne von Contest war es tatsächlich so und schon ziemlich cool! Ich fahre ja eigentlich kaum auf großen Contest mit. Letztes Jahr hab ich in Bremen bei der WTP Springsession auch den Railcontest gewonnen und ich glaube, so ein Kram liegt mir einfach [lacht].

Dass dir Railfahren liegt, sieht man wunderbar an den Fotos hier und dann auch noch fast alles Opposite oder?

Jo, stimmt! Verrückt, oder? Man könnte denken, ich fahre Goofy und Oppo ist ja eh das neue Regular [lacht].

Was war bis jetzt der krasseste Spot, den du jemals gefahren bist, bzw. vor welchem du am meisten Kopfkirmes hattest und dich gefragt hast, ob du die nötigen „Eier“ dafür hast?

Ich glaube, dass ich damals am meisten bei dem Hopover Drop an den Magelan Terrassen in Hamburg gegrübelt habe. Das ist schon lange her, sehr lange sogar. Ich weiß nicht mehr, ob das tatsächlich das krasseste war und es gab natürlich auch noch ein paar andere Aktionen. Bei den Magelan Terrassen war ich mir aber sicher, dass es klappt – hat es zum Glück dann auch –, aber vorher hatte ich echt Schiss, dass es mich verreißt. In den UK beim „Verde London Calling“ war es ähnlich. Da war ich mir sicher, dass ich den Spot packe. Ich hab dann aber gemerkt, dass es doch ein Stückchen höher war und es nur knapp hingehauen hat. Es ist halt manchmal schwierig die „krasseren“ Spots anständig einzuschätzen, es gab auch schon ein paar Rails, die ich öfters anfahren musste, weil die Gedanken einfach zu wild waren.

Ist es so, dass, seit deine Tochter bzw. die Familie da ist, du eher „Nein“ zu einem Spot sagst oder dauert nur der Denkprozess länger, bis du dir sicher bist, dass es klappt?

Ich würde sagen letzteres. Ich glaube Neinsagen tue ich relativ selten, wenn ich den Spot vorschlage und mir sicher bin, dass dort etwas geht. Wenn man aber so freestyle unterwegs ist, dann kommt es generell sehr auf meine Stimmung an, ob was geht oder nicht, vor allem wenn man den Spot das erste Mal sieht. Wenn ich aber einen guten Tag habe, dann dauert es vielleicht ein bisschen länger bis ich es durchziehe. Spots, bei denen ich eh größere Bedenken habe, schaue ich mir auch gar nicht erst genauer an.

Haben sich die Grenzen, seit du Vater bist, verschoben oder sind es nur die Gedanken und Überlegungen, die mit reinspielen?

Die Grenzen sind genau wie vorher. Ich mach aber dann eher die Sachen, bei denen ich mir einfach sicher bin.

Was war bisher deine schlimmste Verletzung?

Hm, ich hab mir mal ein Stück von meinem Oberschenkel ausgestanzt, weil ich kein Barend am Lenker hatte. Von der ganzen Action her war es für mich, glaub ich, das krasseste. Da musste halt das ganze Bein abgebunden werden, weil es so stark geblutet hat und so! Also nicht so mein Ding.

Wen siehst du in Deutschland so als die „Next Generation“ an, also wer sind die Nachwuchstalente und wie wichtig sind diese für BMX?

Ich verfolg nicht wirklich alles, was so in der Szene passiert. Aber von dem, was ich so mitbekomme, ist es als Parkfahrer wohl momentan der Felix Prangenberg. Immer wenn man ihn fahren sieht, ist er wieder heftiger geworden und hat mindestens fünf neue Tricks drauf. Ist einfach unglaublich, wenn man solche Entwicklungen mitbekommt. Beim Dirt fahren ist es auf jeden Fall der Michi Meisel. Der ballert dir einfach alles über die Hügel drüber. Beim Street weiß ich es jetzt nicht so genau und find ich auch immer schwer zu sagen. Aber auch hier fällt schon mal ein Prangenberg oder Portorreal auf.

Wo hat dich dein BMX-Rad schon überall hingebracht?

Auf jeden Fall durch „fast“ ganz Deutschland, England, Spanien, Tschechien, Frankreich und sicher auch an Orte, die mir gerade nicht mehr einfallen.

Was wäre noch ein Ziel mit dem BMX?

Ich würde gerne mal in die USA und die Einladung von Brian Kachinsky annehmen. Aber auch nicht nur zum Radfahren. Mich interessieren die Leute und das Land. Klar, auch die ganzen Radjungs mal zu Hause zu erleben wäre schon mal was anderes als wie sonst immer nur auf Contests oder Jams. Einfach mal privat mit ihnen Fahren gehen, da hab ich Bock drauf. Ich glaub ja nicht, dass die USA so ist, wie sie in den Filmen gezeigt wird [lacht]. Ich möchte mir da einfach einen eigenen Eindruck machen.

Was war der erste Spot, den du je gefahren bist, und gibt es den heute noch?

Eine ca. 1,50 Meter hohe und 4 Meter breite Minirampe irgendwo in Kassel. Heute gibt es diese nicht mehr. Die Rampe hatte mein Bruder mit seinen Freunden auf Skateboards unter eine Autobahnbrücke transportiert. Daraus ist dann später die „Hall of Fame“ in Kassel entstanden. Die Rampe konnte diesen Status allerdings nicht erreichen.

Wie bist du zum BMX-Fahren gekommen?

Damals durch meinen Bruder und seine Freunde. Wäre mein großer Bruder nicht dabei gewesen, würde ich heute wohl Fußball spielen [lacht]. Mein Bruder hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin, er hat mir dabei aber auch einige Negativbeispiele gezeigt, die man lieber nicht machen sollte, und dadurch musste ich viele Erfahrungen einfach nicht selber machen. Das hat mich jedenfalls auf einen guten Weg gebracht.

War BMX für dich eine „Liebe auf den ersten Blick“?

Ja, auf jeden Fall, aber zwischendurch bin ich auch mal Skateboard gefahren, weil alle meine Kumpels geskatet sind. Ich dachte, da muss man einfach Spaß dran haben, aber nach 1 ½ Jahren bin dann wieder zurück aufs BMX. Irgendwas hatte da halt gefehlt und auf dem Rad fühle ich mich so viel wohler.

Was war dein erstes Rad?

Ein Dyno Comp in schwarz! Hört sich komisch an, aber zu dieser Zeit war schwarz nicht typisch für ein BMX.

Was kannst du der jüngeren Generation raten, damit sie genauso lange Radfahren können wie du oder auch noch länger?

Passt auf eure Knochen auf und nehmt die Ärzte verdammt ernst, sobald ihr diese Erfahrung machen musstet. Auch ein gebrochener Finger kann dir alles versauen, sobald du die Ratschläge deines behandelnden Arztes nicht befolgst. Klar will man schnellstmöglich aufs Rad zurück, aber nur wenn man dann alles richtig macht, hat man die längere Freude daran. So, genug den Moralapostel gespielt, aber Leute trotzdem im Ernst [lacht].

So Pierre, jetzt bin ich gleich total betrunken, also kommen wir einfach mal zum Schluss deines Interviews. Hier hast du jetzt noch mal Gelegenheit, letzte und nette Worte loszuwerden. Also sach ma an!

Also als erstes natürlich ein fettes Dankeschön an dich, Carlos! Für das nette Interview, deiner Zeit beim Shooten und dem ganzen Biertrinken. An das bmxRider Magazine und natürlich einen großen Dank an meine Familie, dass sie so hinter mir steht, was auch immer passiert! Meiner Freundin für unsere wundervolle Tochter, dem Verständnis dafür, dass ich immer mal wieder unterwegs bin und so viel Zeit auf meinem Rad verbringe. Christoph von Unitybmx, Verde und Cinema für den super Support. Thomas von Allridebmx für die schicken Lotek-Schuhe. Thore von Cyclus Clothing, dass ich immer freshe Shirts am Start habe. Jan und natürlich dem gesamten Suicycle-Team. Und auch allen meinen Freunden für die super Zeit und auf weitere coole Jahre!

Gut Pierre, auch an dich vielen Dank für deine Zeit, die coolen Fototage und so weiter. Ich wünsche dir und deiner Familie alle Gute und Liebe. Bis bald! Prost! CLF

 

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