Ausgabe 29

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Ausgabe #29 - Druckfrisch und ab dem 05. April im Handel erhältlich! Hier geht es zur die Heftvorschau.

Features

OLDSCHOOL BRANDES

 

BMX-Historie bekommt heute leider immer seltener unsere Aufmerksamkeit, kaum eins der Kids und auch nicht die Erwachsenen kennen den Ursprung von 20-Zoll-Rädern in Deutschland. Trotzdem wäre ohne diese Historie BMX nicht da, wo es heute steht. Zum Glück gibt es noch die alte Liga, quasi die Pioniere des deutschen BMX, und die Menschen, die einen stundenlang mit den geilsten BMX-Storys versorgen können, ohne dass man auch nur ansatzweise gelangweilt würde. Hierfür haben wir uns sicher mit einem der verrücktesten dieser Pioniere getroffen und Dirk Brandes zu Hause in Klein Vahlberg bei Wolfenbüttel zum Kaffeeplausch besucht. Gemeinsam durchstöberten wir unzählige Fotoalben der Familie Brandes aus 30 Jahre BMX-Geschichte, plauderten über die damalige deutsche BMX-Szene, wie alles anfing und was alles unternommen wurde, um unseren Sport nach vorne zu bringen. Aus dem einen Kaffee wurde dann schnell noch ein zweiter und dritter und zum Schluss gab es natürlich auch eine Führung durch das heilige BMX Ranch Museum. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus, denn in liebevoller Restaurationsarbeit wurden hier weit über 50 BMX Räder der vergangenen Zeit neuaufbereitet und hängen glänzend von der Decke oder stehen akkurat in Reih und Glied. Wahnsinn, wie geil es war, so viele Schätze live zu sehen. Ihr solltet unbedingt mit Dirk in Verbindung treten, denn diese Dosis an BMX-Historie darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Wir haben natürlich nicht nur in Fotoalben geblättert oder über BMX-Räder gequatscht, aber dazu kommen wir jetzt. Viel Spaß mit dem Interview!

 

Hi Dirk! Super, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Stell dich unserer jüngeren Generation noch mal kurz vor und erzähl auch, wie lange du schon auf dem Rad sitzt?

Hallo zusammen, ich bin Dirk Brandes und vielleicht ist es einfacher zu sagen, dass ich der Vater von Evan Brandes bin. [lacht] Seit einer Ewigkeit lebe ich in Wolfenbüttel und betreibe dort auch den „Train BMX Shop“. Holla die Waldfee, wenn ich jetzt sage, dass ich schon 34 Jahre auf BMX-Droge bin, dann glaubt das doch kaum einer. Um genau zu sein seit dem 18. Juni 1982. Vorher habe ich nur die Klappräder meiner Geschwister zerstört. [lacht] Mir macht es heute noch genauso Spaß wie früher, auch wenn der Kopf manchmal mehr will, als der Körper noch kann. Ich brauche BMX einfach noch zu meinem Leben.

 

Als einer der deutschen BMX-Pioniere kannst du dich noch daran erinnern, wie und wo du das erste Mal mit BMX in Kontakt gekommen bist – und E.T. wollen wir jetzt nicht hören? [lacht]

Nein, nein, mein Schwager hatte mir damals eine Motorradzeitung mitgebracht und sagte: Schau mal, da rasen die Amis mit so Crossrädern rum.  Das habe ich mir natürlich reingezogen und, boah, wie geil das war! Von da an wusste ich, das will ich für immer machen. Fachgeschäfte gab es damals noch nicht so wirklich oder man wusste nicht, wo sie waren, also ab ins Kaufhaus, wo ich mir dann die ersten Räder angeschaut habe. Zeitgleich lief natürlich E.T. und so ziemlich genau danach war es safe, dass mein Leben von BMX durchzogen sein würde.

 

Die Amis waren von jeher weit vorne im BMX. Wie stark hat dich das beeinflusst und welche Fahrer waren deine Helden?

Das hat mich schon sehr stark beeinflusst, alleine wegen der ganzen Tricks und den schicken Rädern. Ich wollte das einfach können, auch wenn es nicht geklappt hat. [lacht] Meine Helden waren Ron Wilkerson, Brian Blyther, Josh White, Eddie Fiola, Mat Hoffman, DMC und so viele mehr. Von den Deutschen waren es Mathias Rechenburg, Stephan Prantl, Andreas Althaus, Robert Möller oder das PTR-Trickteam, die ich 1984 in dem deutschen BMX Speed Magazin gesehen habe. Davor wusste ich nicht einmal, dass es überhaupt Magazine gab.

 

 

Zu welchem Zeitpunkt hast du dann Freestyle für dich entdeckt?

Erst wollte ich nur Rennen fahren und bin in unserem Dorf über jeden Hügel geballert. In Braunschweig gab es eine BMX-Bahn, wo ich meine ersten Rennen gefahren bin und auch ein paar Erfolge erzielen konnte. Meine Eltern haben mich damals nicht im BMX supportet, also bin ich oft 30 Kilometer mit dem BMX dorthin gefahren und habe dann 1985/86 mit BMX Freestyle angefangen. Ich zimmerte die ersten Rampen aus Paletten und Brettern zusammen. Von der Small-Ramp bis zur Quarterpipe habe ich alles selber zusammengebaut. Anleitungen gab es noch keine. Später war ich dann auch derjenige, der Spines, Jumpboxen, Grindboxen und Wallrides am Start hatte und alle BMXer und Skater aus der Umgebung kamen zu mir. So traf man sich dann mit den anderen Fahrern wie Markus Wilke, Thomas Stellwag, Axel Reichertz, Alex Reinke und so weiter. Das war eine tolle Zeit und wir hatten viel Spaß.

 

Wie bist du denn damals an die wirklich guten BMX-Teile gekommen?

Das war schon anders als heute. Bei mir in der Umgebung gab es nur den Billigmist in den Fahradläden. Centurion war da schon Gold wert und um gute Teile zu bekommen, musste ich immer nach Braunschweig fahren. Da gab es Karstadt mit einer etwas besseren Fachabteilung, aber so richtig toll war das immer noch nicht. Ich habe dann immer bei Fritscher in Bremen angerufen und bestellt, was da war. Dort gab es schon eine recht gute Auswahl und nach einigen Tagen war der Kram auch da. Damals gab es noch keinen Onlineshop oder bunte Kataloge mit tollen Bildchen. Schwarz-Weiß-Kopien mussten reichen und man hat mit schwitzigen Fingern auf die Post gewartet und gehofft, dass das Richtige drin war.

 

 

Die deutsche Szene war recht überschaubar. Mit welchen, uns heute noch bekannten Pionieren warst du damals unterwegs und wie ist man in Kontakt getreten bzw. auf welchen Events/Trips konnte man sich treffen und austauschen?

Ich war früher viel mit Dirk Rosenthal, Gido Hinz, Thomas Stellwag, Alex Reinke, André Damm, Christoph Huber, Axel Reichertz, Jürgen Funk, Thomas Fritscher, Holger Timm und noch einigen mehr unterwegs. Man hat sich noch klassisch zusammentelefoniert, so richtig mit Reden und so. Wolfgang Fritscher verschickte auch immer Flyer mit der Post, wenn irgendwo etwas abging. Ihm haben wir sehr viel zu verdanken. Termine wie in Köln, Trier, Tropica und auch München waren immer ein Muss. Man verabredete sich und war einfach da. Im Urlaub bin ich einfach mit meiner Freundin und heutigen Frau Nicolette losgefahren und haben dann bei Thomas Stellwag, Jürgen Funk oder sonst wem angeklingelt, um gemeinsam Rad zu fahren und eine gute Zeit zu verbringen. Es war einfach unkompliziert

 

Bist du auch selber Contest gefahren? Wie lief das damals im Gegensatz zu heute und was war dein größter Erfolg?

Klar bin ich Contest gefahren, das war ja immer der Traum daran. Zum Anfang gab es unzählige Altersklassen in den Disziplinen Ground (Flatland) und Quarterpipe (Rampe), was aber Stück für Stück kompakter gemacht wurde, die Altersklassen also rausflogen. Es gab nicht so viele Sponsoren wie heute oder Give-Aways, die an die Teilnehmer verteilt wurden. Man hat alles gemeinsam organisiert, Rampen gebaut, gejudget und hinterher auch wieder abgebaut. Der Erste bekam einen Pokal und wenn es hochkam, ging der Zweite und Dritte mit einer Kette oder einem Mantel nach Hause. Es wurde für den Spaß gefahren und nicht wegen des Preisgelds, was heute viele dazu animiert. Mein größter Erfolg war damals die Deutsche Vizemeisterschaft. Außerdem habe ich an drei Weltmeisterschaften teilgenommen, wo ich immer unter die ersten 15 gekommen bin. Das war herrlich, aber mir ging es immer um das Gefühl, frei zu sein und tun und lassen zu können, was man will. Für mich war das alles Freiheit pur, die ich genossen habe, da ich im damaligen Familienbetrieb verdammt hart eingespannt wurde und dort von einer Leistung zur anderen getrieben wurde. Da war BMX für mich abschalten, Spaß haben und Blödsinn machen.

 

 

Sex, Drugs, BMX’n’Roll! Wie wild war es wirklich?

Damals war schon eine sehr verrückte Zeit, auch wenn ich nicht wirklich so partymäßig unterwegs war, wie so manch anderer. Ich hatte immer Schiss, dass ich am nächsten Tag nichts mehr auf die Kette bekomme und nur am Kotzen bin. [lacht] Ich habe mich dann immer, also fast immer, etwas früher aus dem Staub gemacht. Es ging schon sehr heftig zu, aber ich denke, dass es heute kaum anders ist, außer das „Anders“ eben.

 

Wir stolpern in deinen Fotoalben auch immer wieder über die geilsten Bilder von diversen BMX-Shows mit Quarterpipe- und Freestyle-Einlagen. War der damalige Grund solcher Shows derselbe wie heute? Also sind wir mit unserer Pionierarbeit noch nicht am Ziel angelangt?

Ich bin früher richtig gerne Shows gefahren, um den Sport zu präsentieren und den Leuten klarzumachen, dass BMX nicht nur ein Kindersport ist, womit man mit 16 Jahren aufhört. Ohne Scheiß, auch heute gibt es noch Leute, die denken, BMX ist durch seine Radgröße ein Kinderspaß, und den Sport oder die Möglichkeiten dahinter nicht sehen. Ich habe früher schon gerne auf Shows und Contests geholfen und Organisiere auch heute noch welche bei uns in der Umgebung. Es bereitet mir immer noch viel Freude, „Pionierarbeit“ zu betreiben, und ich denke, dass sich daran auch nichts ändern wird.

 

 

Du fährst selber noch aktiv Rad, betreibst deinen eigenen BMX-Shop, ein BMX-Museum und kennst die Szene, wie kaum ein anderer. Würdest du sagen, früher war alles besser, oder wie siehst du die heutige Entwicklung im BMX?

Also dieses „früher war alles besser“ ist doof. Ich würd sagen: Früher war es anders. Auf alle Fälle gab es einen besseren Zusammenhalt untereinander und es gab nicht dieses Rumgezedere nach dem Motto „wer hat das schönste Rad“ oder „wer fährt besser“ – blablabla! Wir haben uns gesehen, haben eine schöne Zeit zusammen gehabt und sind BMX fahren. Uns war auch scheißegal, was wir für Klamotten anhatten, Hauptsache, die Eier hingen nicht raus. [lacht] Wenn viele wieder den Sinn des BMX wiederfinden und diese Gier nach „was bekomme ich für mein Startgeld“-Gehabe ablegen, dann wird das auch wieder. Der größte Aspekt zum Unterschied von damals sind auf jeden Fall die großen Möglichkeiten, die man heute hat. Internet, Videos und natürlich die enorme Dichte an Skate und Bike Parks, um abzugehen und ständig BMX fahren zu können.

 

Erzähl uns mal was über deine Sammelleidenschaft. Über die Jahre hat sich so einiges an BMX-Geschichte bei dir gesammelt. Wann und vor allem wieso hast du mit dem sammeln und restaurieren von BMX-Rädern angefangen?

So richtig angefangen hat es 2004, als ich Ebay durchforstet habe, um mein erstes BMX wiederzufinden. Das BMX 2000, welches es damals – mit einem halben Jahr Garantie auf Rahmen und Gabel – für 199 DM gab. Ich habe es tatsächlich gefunden und leider entdeckte ich dort ein geiles Rad nach dem anderen. [lacht] Ich tauschte mich viel mit Thomas Stellwag aus, der ebenfalls sammelte. Es macht einfach superviel Spaß, sich die ganzen Schätze anzuschauen und zu grübeln, was damals wirklich gut oder auch einfach nur richtig schlecht an den Rädern war. Es war einfach eine tolle und vor allem sehr bunte Zeit. Das Ganze zu sammeln, aufzubereiten und für die nächsten Generationen festzuhalten, ist schon sehr wichtig.

 

Nicht mehr lange und die BMX Ranch platzt aus allen Nähten. Wie viele Räder befinden sich mittlerweile in deinem Besitz.

Puh, das dürften mittlerweile sicher über 60 Stück sein und fünf befinden sich gerade im Aufbau.

 

 

Wo zum Teufel findest du eigentlich die ganzen Schätze bzw. wie finden sie ihren Weg zu dir?

Ich beziehe sehr viel über Ebay, aus England oder den USA und natürlich habe ich von vielen alten BMXern, die von meinem Museum gehört haben, Schätze aus ihren Kellern bekommen, die dann auch gleich die Möglichkeit nutzen, den Kram persönlich vorbeizubringen und sich die Ausstellung anschauen. Den seltenen Stuff habe ich dann meist über Stellwag gekauft oder getauscht, der ist auch so ein Freak. [lacht] An dieser Stelle auch noch mal Danke an alle, die mir ihren alten Stuff überlassen.

 

In Deutschland besitzt du eine der größten Sammlungen an historischen BMX-Rädern. Gibt es noch mehr von deiner Sorte und tauscht man sich dann auch aus?

Von denen gibt es sogar noch eine ganze Menge und gegen deren Sammlung ist meine wohl sehr klein, aber ich wohne ja auch in „Klein“ Vahlberg. [lacht] Es gibt da das Old School Forum OSBMX in unserem Lande sowie auch in vielen anderen Ländern. Darüber connecten wir uns, verkaufen, tauschen und geben uns gegenseitig Tipps, was die Restauration angeht oder wie man z. B. dreckige oder verbogene Tuffs wieder fit bekommt.

 

Denkst du schon über eine Vergrößerung deiner Ausstellungsfläche nach?

Ja schon, aber ich habe hier im Dorf leider keine weitere Möglichkeit und das Museum an einen anderen Ort zu verlegen, kommt aktuell nicht in Frage. Wie soll ich denn meine „Räder“ füttern, wenn die zu weit weg stehen?

 

 

Erzähl uns kurz die Story zu deiner Lieblingsjacke.

Oh ja, meine gute alte Dyno-Jacke ist schon sehr selten in Deutschland und soweit ich weiß, hatte sie sonst nur der Thomas Fritscher. Ich bin megahappy drüber, denn sie war immer und überall mit dabei. Sie war quasi mein Talisman und wenn ich sie mal zu Hause vergessen hatte, dann fuhr ich auch gerne mal wieder nach Hause, um sie zu holen. Meine Frau schüttelte dann immer mit dem Kopf und hielt mich für bekloppt.

 

Welche Pläne stehen für 2016 an?

2016 ist mein Kalender voll mit BMX-Shows, Kursen und kleineren Contests in und um Wolfenbüttel. Das gleiche gilt auch in unserer SC-Walhalla-Skatehalle in Braunschweig. Ein Old School Event wird es natürlich wieder geben, der am 3. September stattfindet. Ach ja, den Rest der Zeit bin ich natürlich mit meinem Sohn Evan auf ziemlich jedem Contest, den unser Land zu bieten hat.

 

Auch wenn wir sicher einige Bücher mit BMX-Historie füllen könnten, sind wir leider schon am Ende angekommen. Vielen Dank, Dirk, und wenn du magst, dann kannst du gerne noch ein paar letzte Worte an alle BMX-Fanatiker und/oder die Kids, die gerade erst anfangen, loswerden.

Ich danke meiner Frau, die mich jetzt schon so lange ertragen hat und immer noch erträgt, und natürlich allen BMXern da draußen. Habt Spaß am BMX und genießt jede Minute. Haltet wieder mehr zusammen und keep on riding. So, jetzt aber Schluss mit dem „Opagelaber“. [lacht]

 

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